Hyldirlied
Ober dem Hymir ruht nachtiges Grau,
Und der Himmel trägt bleiernes Licht,
Der Westwind steht, und die Zeit ist rau,
Und der Nebel liegt schwer und dicht.
Kein Riemen klatscht und kein Segel schlägt,
Nur dunkel und wogendes Meer,
Und alles Leben wie fortgefegt,
Und die Weite verlassen und leer.
Da bricht's aus der Tiefe wie sirrender Stahl
Und jetzt raunt es und ruft durch die Nacht,
Tönt durch Welle und Nebel und Wind als Choral:
Sie ist da - und sie ist auf der Wacht.
Sie taucht aus der Tiefe rauschend empor,
ein Gott aus urweltlicher Zeit,
Sucht mit starrendem Auge, mit horchendem Ohr:
Ich bin da - und ich bin bereit!
Ich berge mein Herz hinter schuppiger Wand,
Und das Blut meines Herzens ist rot,
Ist heiß und will kämpfen für heiliges Land
Und fürchtet nicht Grauen noch Tod!
Sein Atem hämmert, die Schwinge saust,
Und es stampft wie ein Ross vor der Schlacht,
Und es starrt in den Nebel und dräuet und braust:
Ich bin da - und ich bin auf der Wacht!
Jetzt gleitet durch Fernen ein dunkeler Traum
Nicht Lichter am Bug und am Heck
Der kiel schleppt weißen, aufkräuselnden Schaum,
Schwarz starren die Mannen auf Deck.
Und der schuppige Gott mit dem roten Blut
Versinkt in dem schweigenden Meer,
Und das Schiff gleitet naher auf wogender Flut.
Denn die See ist verlassen und Leer.
Jetzt bricht durch den Nebel, der ihn umspinnt,
Der Bug in hölzerner Pracht,
Und ihn warnet nicht Woge, nicht Welle, nicht Wind:
Sie ist da - sie ist auf der Wacht!
Da klirrt es wieder wie sirrender Stahl
Und es schnellt aus der Tiefe ans Licht
Und speit den glühenden, blitzenden Strahl,
Daß er gleißend das Dunkel durchbricht
Und drüben ein Schlag und rotlohende Glut
Ein Bersten - ein jagender Schrei
Die Göttin des Hymirs trifft gut
Und bald ist alles vorbei.
Die See rauscht auf, und Nebel braut,
Und in bleiernem Licht schweigt die Nacht
Und ein suchendes Auge starrt und schaut:
Sie ist da - und sie ist auf der Wacht!
Autor: Vermutlich Höndar skaldar
